09. Jul 2007

Sommer 2007- Irgendwie ist es fast wie im letzten Sommer, fast alle Leute die ich kenne haben auf einmal wieder ein gemeinsames Thema. Letztes Jahr: “unser/euer” WM-Sommer; dieses Jahr: KAPITULATION, das achte Album von Jan, Dirk, Arne und nicht zu vergessen Rick aus Hamburg und seit einigen Jahren auch Berlin. Mancher schreibt über ein Meisterwerk, andere sind eher enttäuscht. wie Jan Kühnemund in der ZEIT, dessen Kritik verständlich scheint, aber aus meiner Sicht auch nur zum Teil greift (Ein Klick zum nachlesen). TOCOTRONIC begleitet mich persönlich schon so lange, dass ich nicht allzu schnell urteilen will. Über nunmehr zwölf Jahre kaufe ich quasi jedes Vinyl-Release der Vier. In Zeiten wo das Geld knapp ist, denke ich ja manchmal über Versteigerung der Singles nach, weiß aber zugleich, dass ich es nicht übers Herz bringen könnte. Bei anderen Künstlern bin ich da schon effizienter und weiß oft ziemlich genau, dass die gemeinsame Zeit rum ist und dann siegt schonungslos das Platzargument. So kann der Eintrag beim bekannten Versteigerungsportal durchaus auch etwas befreiendes haben. Ich war in all den Jahren sicher immer mal ein wenig unzufrieden mit den Tocs, habe zugleich immer wieder den Frieden mit ihnen geschlossen. Zuerst bei KOOK, als sie meine wohl konditionierten Erwartungshaltungen durcheinander brachten und auch das weiße Album brauchte seine Zeit um diese richtig gut zu finden.

Nun ist die achte Platte draußen und da wir den Musikjournalismus bei EXTRABLAU auch ernst nehmen, wollen wir nicht still bleiben und die Aufgabenteilung in der Redaktion hat mir diese Rezensionsaufgabe/-falle gestellt. Wenn ich ehrlich bin, will ich noch gar nicht so recht aus dem Häuschen sein, denn es scheint zu früh um abschliessend und das Erreichen des Pop-Olymps zu bejubeln oder die einstigen Lieblinge für immer zu verurteilen und im gleichen Zug auch noch die “Freundschaft” bei Myspace zu kündigen. TOCOTRONIC haben sich nicht lumpen lassen und KAPITULATION ist ein Highlight des Sommers. Das wage ich ohne Umschweife zu sagen, mehr will ich aber nicht jubeln. Wie bei den zuvor gegangenen Alben tendiere ich zum persönliche Lieblingslieder heraus picken, die ich tatsächlich im REPEAT-Modus sehr gut über längere Zeit am Stück hören kann. Als Album als solches bin ich mal wieder etwas kritisch. Drei Stücke weniger hätte ich mir durchaus gewünscht und ein fulminanteres Ende wäre auch toll, so wie damals NEUES VOM TRICKSER vom weißen s/t-Album, welches ich ja erst zu PURE-VERNUNFT-Zeitalter so richtig zu schätzen lernte. Für die Menschen, die etwas mit TOCOTRONIC anfangen können heißt es weiterhin: Die Konzerte sowie das neue Album bleiben ein Muss und das ist gut so. Welche Bedeutung KAPITULATION für das einzelne Individuum hat, mag ich nicht beurteilen, denn ich bin ja nicht Gott. Ich vermute mit relativer Sicherheit indes folgendes: Wer vor großen Herausforderungen wie Abschlussprüfungen etc. steht, wird das Titelstück in diesen Momenten durchaus lieben lernen. Das Doppel-Vinyl wird mir passend zur Magisterarbeit in den kommenden Monaten sicher auch seine Lieblingsseite offenbaren, die ich immer wieder quasi blind auflegen werde. Auf die einzelnen Stücke will ich nicht ausufernd eingehen, denn das machen ja andere Autoren schon zur Genüge. Daher der Schnelldurchlauf: KAPITULATION beginnt mit MEIN RUIN und endet mit der EXPLOSION, was den Rahmen durchaus gut beschreibt. Wer den Titelsong bereits gehört hat, weiß schon, dass es so einiges zum Schmunzeln gibt. Ein wenig ärgert mich eigentlich nur ein Aspekt. Die KAPITULATION scheint fast wie ein programmierter Siegeszug, als hätte die Band endgültig die magische Formel entdeckt, die bis ins kleinste Detail erklärt, wie ein rundum erfolgreiches Toco-Album klingen solle, welches alle Fans und Kritiker glücklich macht. Die krachige Vorab-Single SAG ALLES AB ließ die Fans der ersten Alben sowas von Blut lecken,dass diese sich wahrscheinlich zum Teil ärgerten,dass die Polohemden von damals bereits in der Altkleidersammlung gelandet sind. Die zweite Single KAPITULATION schaffte dann kurz vor der Veröffentlichung des Albums elegant und eloquent den Bogen zur PUREN-VERNUNFT. Das Album offenbart musikalisch als auch inhaltlich weitere Songperlen, welche dabei die Stärken aus den Vorgängern geschickt destillieren. So ist jedes Stück ein Hit. TOCOTRONIC wissen eben, was sie machen und dafür kann man sie wohl kaum verurteilen, denn der Zauber der Band scheint noch lange nicht verflogen. Wie die Band es dabei geschafft hat dieses Album in so kurzer Zeit aufzunehmen bleibt mir übrigens ein Mysterium, wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Nun die abschließenden Service-Infos:
Die Schallplatte gibt es in Leipzig zu fairen Konditionen beim eigenwilligen Plattenhändler in der Nähe des bayrischen Bahnhofs und für die Sammelbesteller und Schnäppchenjäger unter Euch auch direkt beim Label Buback noch einen Tick günstiger. Wir predigen natürlich das VINYL beim freundlichen Indie-Händler kaufen. Wer sich eine CD, die übrigens bei VERTIGO/UNIVERSAL erschienen ist, kauft ist dabei auch kein schlechter Mensch.

/Micha